Aus Endovelle wird Slinda
- Unknown Diarie

- vor 3 Stunden
- 6 Min. Lesezeit

Liebes Tagebuch,
auch wenn ich beim letzten Mal versprochen habe, dass nicht wieder so viel Zeit ins Land ziehen wird, sind mittlerweile erneut fünf Wochen vergangen. Ja, ich hab’s vermasselt. Du kannst meine vielen Entschuldigungen wahrscheinlich schon gar nicht mehr hören und trotzdem tut es mir leid.
Ich bin dir außerdem noch eine Erklärung schuldig. Beim letzten Mal hatte ich ja schon angeteasert, dass ich mich momentan nicht so fühle, wie ich mich eigentlich kenne. Da ich hoffe, die Ursache inzwischen gefunden zu haben, bin ich zuversichtlich, dass sich das demnächst wieder ändern wird.
Bevor ich gleich ins Detail gehe, vielleicht erst einmal ein kurzes Update zum Rest:
Die Jobsuche habe ich vorerst vertagt. Stattdessen überlege ich gerade, meinem Arbeitgeber eine Weiterbildung mit Abschluss als Personalfachkauffrau aus den Rippen zu leiern. Sport liegt mal wieder auf Eis und mein Fahrrad wurde geklaut.
So viel dazu. …
Wieder zurück zum eigentlichen Thema
Wie schon durchgesickert ist, fühle ich mich antriebslos – und zwar auf wirklich jeder Ebene.
Für einige Tage ist „antriebslos“ allerdings schon fast eine Verharmlosung. Ich würde eher sagen, dass ich negativ verstimmt bin. Teilweise so sehr, dass es schon Züge einer Depression annimmt.
Es gibt Tage, an denen bereits Aufstehen und Frühstücken zu viel sind. Diese Tage beziehen sich hauptsächlich auf die Wochenenden. Unter der Woche schaffe ich es zumindest noch, mich irgendwie aus dem Bett zu hieven und zur Arbeit zu fahren.
Aber wenn ich erst einmal auf der Arbeit bin: Frag nicht nach Sonnenschein.
Irgendwie schaffe ich es, das Nötigste meiner Arbeit zu erledigen. Und dann war’s das auch schon. Ich treibe meine Projekte nicht voran, sondern sitze teilweise einfach meine Zeit ab. Ich google dies und das, beschäftige mich mit diesem und jenem und versuche irgendwie, die Stunden herumzubekommen.
Es ist einfach nur schrecklich.
Meine Tür ist die meiste Zeit entweder angelehnt oder komplett geschlossen, damit mich bloß niemand stört. Natürlich ist das dem einen oder anderen schon aufgefallen und entsprechend machen sich manche Sorgen. Ansonsten schaffe ich es aber ganz gut zu verbergen, dass ich aktuell nicht wirklich da bin.
Zu Hause geht das Elend dann leider weiter.
Als wäre mein Arbeitstag wunder wie anstrengend gewesen, sacke ich direkt auf der Couch in mich zusammen. Warten dann noch der Geschirrspüler, die Wäsche oder irgendeine andere Aufgabe auf mich, wird sie entweder vertagt und aufgeschoben, bis es nicht mehr geht, oder sie kostet mich so viel Überwindung und Kraft, dass meine Energie am Ende des Abends gefühlt bei null angekommen ist.
Von meinem Märzurlaub hatte ich dir bereits berichtet. Schlimmer war es im Mai. Auch dort hatte ich eine Woche Urlaub und habe mich selbst kaum wiedererkannt.
All die Dinge, die mir normalerweise so viel Spaß machen, existieren gerade irgendwie nicht. Zumindest nicht in meinem Horizont.
Stattdessen schmiede ich oft zig Pläne für den nächsten Tag. Was ich alles erledigen, unternehmen und in Angriff nehmen möchte. Und dann tue ich einfach nichts davon.
Nicht so wie früher, als ich Dinge einfach angepackt und gemacht habe.
Klar, habe ich auch früher mal etwas aufgeschoben oder Tage gehabt, an denen ich lustlos war. Aber danach ging es eben wieder voller Power und Energie weiter. Jetzt bin ich hingegen einfach nur lustlos und schiebe alles so lange vor mir her, bis es nicht mehr geht.
Selbst Situationen, die ich schon hundertmal erlebt habe und wenn es nur ein Zahnarztbesuch ist, machen mich plötzlich unruhig. Keine Ahnung, wieso. Mir schießen tausend Gedanken durch den Kopf und ich sträube mich regelrecht dagegen, dorthin zu gehen.
Auch Freunde zu treffen oder auf Konzerte und andere Veranstaltungen zu gehen, ist mittlerweile ein Graus oder zumindest ein ziemlicher Kraftakt. Dabei freue ich mich eigentlich darauf. Ich habe Lust darauf. Und gleichzeitig irgendwie auch nicht.
Meine Freude fühlt sich einfach nicht mehr so an wie früher. Ich freue mich und gleichzeitig irgendwie auch nicht, weil mich diese Freude nicht beflügelt.
Es ist super schwer zu beschreiben. Aber vielleicht verstehst du trotzdem, was ich meine.
Ganz oft denke ich darüber nach abzusagen und muss mich regelrecht davon abhalten. Ein Glück. Denn im Nachgang bin ich jedes Mal so froh, dass ich nicht abgesagt habe. Meistens hatte ich eine richtig schöne Zeit und versuche dann, diese Emotion und irgendwie auch die Energie mit in die nächsten Tage zu nehmen.
Fakt ist: Das bin nicht ich.
Fakt ist auch: So kann es nicht bleiben.
Ich hatte schon einmal nach möglichen Ursachen gesucht und alles, was für mich infrage kam, versucht aus dem Weg zu räumen. Nur: Als der Weg vermeintlich „frei“ war, wurde meine Verstimmung nicht besser.
Also versuchte ich, einen Anfangszeitpunkt zu finden. Wann ging es los? Und wie hat es angefangen? Zunächst konnte ich überhaupt keinen ungefähren Zeitpunkt ausmachen. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr fiel mir allerdings auf, dass es auch im vergangenen Jahr immer wieder Phasen gab, in denen ich mich ähnlich gefühlt hatte und unzufrieden mit mir und meinem Leben war. Nur hatte ich dafür aus meiner Sicht immer eine Erklärung.
Anfang des letzten Jahres war ich noch mit den Nachwirkungen meines Umzugs beschäftigt. Schließlich kann man selten alles gleichzeitig schick machen. Dann kam der Garten. Ich hatte vorher keinen Garten und musste erst einmal lernen, was da eigentlich alles so auf mich zukommt.
Auf der Arbeit kam der Abschied meiner Chefin und damit das Eingrooven mit meinem neuen Chef.
Im Sommer hatte ich dann Stress wegen meines Bootsführerscheins. Zwar nur kurzzeitig, aber auch solche Emotionen müssen irgendwann verarbeitet werden.
Und so ging es immer wieder vereinzelt mit dem einen oder anderen Thema weiter.
Außerdem war ich in der zweiten Jahreshälfte ständig verabredet und am Wochenende kaum zu Hause. Also schob ich mein Befinden irgendwann einfach auf zu wenig Ruhe und Erholung.Was man dieses Jahr, insbesondere am Anfang des Jahres nun wirklich nicht behaupten kann.
Als ich versucht habe, mit anderen darüber zu reden, kam als Erstes eigentlich immer: „Wir werden eben alle nicht jünger.“
Nach dem dritten Mal konnte ich diesen Satz wirklich nicht mehr hören.
Ja, natürlich werde ich älter. Aber ich bin Mitte 30 und nicht steinalt.
Es gab auch noch den einen oder anderen anderen Ansatz, den ich für mich allerdings ziemlich schnell ausschließen konnte.
Und dann fiel mir etwas auf, das mir ehrlich gesagt ziemlich unangenehm war zuzugeben:
Auch meine Lust auf Sex hatte sich verändert.
Die war nämlich ebenfalls so gut wie nicht mehr vorhanden.
Außerdem fiel mir auf, dass ich ziemlich oft aufgebläht war. Und so langsam dämmerte mir etwas.
Im Jahr 2024 hatte ich dich auf meiner Reise rund um meine Bauchschmerzen mitgenommen. Im Juli 2024 hatte ich begonnen, eine Hormonpille namens Endovelle zu nehmen, um meine Bauchschmerzen in den Griff zu bekommen und meine Periode zu unterdrücken.
Ich konnte mich dunkel daran erinnern, dass ich auch bei der Anti-Baby-Pille damals nicht gerade ein Sonnenscheinchen gewesen war. Ich hatte häufiger Kopfschmerzen, war irgendwie anders drauf – und auch damals hatte sich eine Sexflaute eingeschlichen.
Also suchte ich den Beipackzettel von Endovelle heraus und begann, noch einmal alle Nebenwirkungen zu lesen. Und direkt oben bei den häufigen Nebenwirkungen standen:
Depressive Verstimmung. Nervosität. Stimmungsschwankungen. Libidoverlust. Blähungen. Und noch einiges mehr.
Zack. Da ging die Lampe an.
Aus meiner Sicht könnten die Tabletten tatsächlich die Ursache für meinen aktuellen Zustand sein. Ja, ich glaube das wirklich. Oder vielleicht besser gesagt: Ich setze gerade sehr viel Hoffnung darauf, weil ich ansonsten keine Erklärung dafür habe, warum ich mich plötzlich so fühle.
Nachdem ich diese Erkenntnis für mich gewonnen hatte, dauerte es allerdings noch eine Weile, bis ich mich dazu entschloss, meine Frauenärztin aufzusuchen.
Ich hatte Sorge, dass ich mich am Ende zwischen dem Medikament und meinen Bauchschmerzen entscheiden müsste. Also versuchte ich abzuwägen, welches wohl das kleinere Übel wäre.
Bis ich wieder einen besonders schlimmen Tag hatte.
Da machte ich sofort Nägel mit Köpfen und dachte nur noch: Dann nehme ich lieber die Bauchschmerzen als diese grausige Gefühlslage.
Der Termin war am Montag. Ich musste gar nicht viel erklären. Meine Frauenärztin schrieb mir direkt ein anderes Präparat auf. Es gibt wohl mehrere Patientinnen, die unter Endovelle depressive Zustände entwickeln. Sie kannte dieses „Dilemma“ also bereits.
Sie verschrieb mir jetzt Slinda und sagte, dass viele Frauen stimmungstechnisch sehr gut damit klarkommen. Insgesamt sei das eine richtig gute Pille mit deutlich weniger Nebenwirkungen. Der einzige negative Aspekt: Ich bekomme sie nicht für die üblichen fünf Euro Zuzahlung, sondern muss sie komplett selbst bezahlen, weil sie von der Krankenkasse nicht übernommen wird. 86 Euro für ein halbes Jahr.
Um die neue Pille erst einmal zu testen, verschrieb sie mir zunächst nur eine Packung für drei Monate. So muss ich nicht direkt die vollen 86 Euro bezahlen, sondern erst einmal nur die Hälfte.
Als ich sie fragte, ob ich nach drei Monaten bereits eine Veränderung spüren würde, sagte sie, dass es mit Sicherheit keine drei Monate dauern werde.
Bezüglich des Libidoverlusts machte sie mir allerdings erst einmal keine großen Hoffnungen. Das müsse ich abwarten und anschließend mein persönliches Resümee ziehen.
Ja, also dann zahle ich gerne 86 Euro alle sechs Monate.
Hauptsache, ich werde wieder die alte Unknown.
Die Unknown, die Leichtigkeit verspürt. Die wieder Lust auf Dinge hat. Die nicht jeden einzelnen Schritt im Kopf zerdenken muss.
Als ich die neue Pille aus der Apotheke abgeholt hatte, habe ich natürlich direkt beide Beipackzettel miteinander verglichen.
Und tatsächlich: Die Liste der häufig auftretenden Nebenwirkungen ist ungefähr halb so lang. Total krass. Irgendwie lässt mich genau das gerade noch ein bisschen mehr hoffen, dass sich tatsächlich alles wieder einrenkt.
Also drück mir bitte ganz doll die Daumen.
Ich werde berichten.



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