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Wenn der Job nicht mehr passt.

Liebes Tagebuch,


es ist verrückt, wie sich Dinge durch eine einzelne Person verändern können. Ähnlich wie bei einem Zahnrad: Klemmt nur ein einziges und kann sich nicht mehr drehen, steht oftmals das ganze Getriebe still.

In meinem letzten Blogpost habe ich dir versprochen, noch mal genauer auf meine Arbeitssituation einzugehen und zu erläutern, was genau für mich an meinem Arbeitsumfeld nicht stimmt.



Zur Struktur: Unser Vorstand steht an der Spitze. Logisch.Darunter gibt es eine Gesamtbereichsleiterin, quasi unser Big Boss. Darunter sind unsere Fachbereichsleiter (oder auch Führungskräfte genannt) mit ihren Teamleitern und Mitarbeitenden angesiedelt.


Dann gibt es noch den Finanzer. Der Finanzer ist direkt dem Vorstand unterstellt, sodass sich dieser mit unserem Big Boss auf Augenhöhe befindet. Theoretisch sollten beide Hand in Hand arbeiten. Praktisch darf der Finanzer ggü. dem Big Boss schon Grenzen aufzeigen.


Ich befinde mich unter dem Finanzer in der „zweiten“ Reihe. Somit dürften mir sowohl der Finanzer (mein Vorgesetzter) als auch unser Big Boss Anweisungen erteilen.


Die Fachbereichsleiter, der Finanzer und unser Big Boss bilden bei uns die Geschäftsleitung ab.


Unser Big Boss ist aus meiner Sicht „kein“ Big Boss, da sie sich mit den anderen Fachbereichsleitern viel zu oft auf dieselbe Stufe begibt. Sie ist nicht entscheidungsfreudig, wenig kritikfähig, sie hält Dinge nicht nach und kann super schwer Verantwortung abgeben. Die anderen Fachbereichsleiter können, überspitzt dargestellt, machen, was sie wollen, da eh niemand Konsequenzen zu befürchten hat. Unser Big Boss meckert oftmals nur rum, sieht in jeder Situation eher das Schlechte im Mitarbeiter oder lobt nur die, die „Ja und Amen“ sagen und nicht aufmucken, geschweige denn krank sind. Sie ist laut, emotional, oftmals ein Trampel und schafft es manchmal nicht, Sätze geradeaus zu bilden. Konflikten geht sie lieber aus dem Weg, bis es brennt, um dann von einem Brand zum nächsten zu stürzen. Und wenn sie sich auf jemanden eingeschossen hat, kann der in ihren Augen eigentlich nichts mehr richtig machen. Sie hat schon viele über kurz oder lang weggebissen. Entweder haben die Personen freiwillig das Unternehmen verlassen oder sie wurden gegangen. Man möchte sie also lieber nicht zum Feind haben. Ich persönlich komme sehr gut mit ihr aus, weil ich verstanden habe, wie sie tickt.


Alles begann, als meine Vorgesetzte in Rente ging. Ich suchte mit ihr gemeinsam ihren Nachfolger aus, in der Hoffnung, dass er nicht einfach nur ein Finanzbuchhalter wird, sondern sich, genau wie sie, in unserer Geschäftsleitungsrunde etabliert. Der genauso mit mir auf Augenhöhe kommuniziert, wie sie es tat, der mich ernst nimmt, Verantwortung an mich abgibt, mir vertraut usw.

Am Anfang war die Veränderung noch nicht so spürbar, außer, dass ich bestimmte Dinge etwas anders gestalten oder abspeichern sollte. Als sich mein neuer Vorgesetzter eingearbeitet und für sich vermutlich auch viele Dinge automatisiert oder vereinfacht hat, begannen spürbar die Veränderungen – erst ganz langsam und dann immer deutlicher. Erst schlich er immer über den Flur, hielt hier mal ein Pläuschchen und da, sodass einige Mitarbeitende schon das Gefühl bekamen, dass er nichts zu tun hätte, und das auch bei ihrer Fachbereichsleiterin platzierten, die mit dieser Thematik natürlich auch zu mir kam.


Als ich ihm den Hinweis gab, dass er aus meiner Sicht nicht genug mit unserem Big Boss kommunizierte, tat er es ab. Als ich ihm den Hinweis erneut gab, hinterfragte er das erste Mal, wie ich es meine. Also erklärte ich ihm, dass ich nicht genau weiß, was meine damalige Vorgesetzte und unser Big Boss ständig besprachen, dass sie aber gefühlt täglich mindestens 1,5 Stunden in ihrem Büro standen, währenddessen mein neuer Vorgesetzter und unser Big Boss einmal in der Woche für 20 Minuten sprachen.

Natürlich hat mein neuer Vorgesetzter auch nach meinem zweiten Hinweis nicht öfter mit unserem Big Boss kommuniziert, weswegen ich es über den Big Boss versuchte. Auch hier platzierte ich den fehlenden Austausch untereinander. Und eigentlich, wenn ich recht darüber nachdenke, war das die erste große Veränderung: Unser Big Boss stand immer öfter in meiner Tür als in seiner.


Statt Entscheidungen, Arbeitsanweisungen und Co. zu 95 % ausschließlich über meinen Vorgesetzten kommuniziert zu bekommen, dauerte es nicht lange, da kommunizierten beide mit mir. Nur kommunizierten beide leider nicht dasselbe. Immer öfter kam es vor, dass es zwischen den Aussagen zu Abweichungen kam, was mich einmal mehr irritierte und auch in meine Arbeit Unruhe brachte. Da ich die Dinge ansprach, hinterfragte und erklärte, führte das dazu, dass die Luft zwischen den beiden dünner statt dicker wurde, bis es das erste Mal richtig knallte und es selbst auf unserem Flur laut wurde, sodass andere es hätten hören können.


Irgendwann standen beide immer häufiger in meinem Büro und diskutierten über irgendwelche Dinge, wobei ich das Spektakel über meine Bildschirme beobachtete, bis beide mich irgendwann ansahen, als hätte ich etwas zu sagen.

Das war eine aufregende Zeit, weil es sich anfühlte, als würde ich zwischen Baum und Borke stehen.


Irgendwann hatten wir uns alle „gefunden“, was bedeutete, dass es einen festen Dreiertermin zwischen uns gab. Er nannte sich Personalupdatetermin, in dem alles einheitlich besprochen wurde, was für mich und mein Aufgabengebiet relevant war. Blöd war nur: Wenn ich im Nachgang Rückfragen stellte, kam es wieder zu unterschiedlichen Aussagen, oder keiner wusste mehr bzw. wollte wissen, was der andere gesagt hatte. Um auch dieses Problem zu lösen, wurde schlussendlich Protokoll geführt. Dreimal darfst du raten, wer den Vorschlag gemacht hat und das Protokoll schreiben durfte: richtig, ich.

ABER: Ich konnte wieder ruhiger arbeiten, da alles schriftlich mit einer Entscheidung fixiert war.


Du musst wissen, dass meine damalige Vorgesetzte ein bisschen die gute Seele im Unternehmen war. Sie hat es geschafft, die Geschäftsleitung zusammenzuhalten, Dinge voranzutreiben (wenn auch nur langsam), und hatte immer gute Argumente. Sie holte alle ab, indem sie ihre Gedanken und ihr Vorhaben erklärte. Sie unterstützte unseren Big Boss aus dem Hintergrund in der Entscheidungsfindung. Und auch wenn sie manchmal alle doof fanden, weil sie kein Problem damit hatte, „Nein“ zu sagen und sich gegen andere zu stellen, so vertrauten ihr doch alle und suchten sie auf, wenn sie Rat brauchten. Sie schaffte es, meine Interessen zu vertreten und Druck auszuüben, wenn mir etwas für meine Arbeit fehlte. Und vor allen Dingen hielt sie Dinge auch nach.


Mein jetziger Vorgesetzter dagegen hat sich irgendwie selbst aufs Abstellgleis katapultiert. Gefühlt hat er nichts zu tun und schafft es dennoch nicht, Dinge nachhaltig zu bearbeiten. Statt direkt ins Nachbarbüro zu gehen oder den Telefonhörer in die Hand zu nehmen, um Dinge zu klären, schreibt er ellenlange E-Mails – selbst dann, wenn es wichtig und dringend ist. Er vertritt meine Interessen in der Geschäftsleitung nicht ordnungsgemäß, was ich durch Nachfragen bei den anderen herausbekommen habe. Er hat sich weder eine eigene Stimme noch das Vertrauen der anderen erarbeitet, weil er ziemlich oft und schnell abgebügelt wird. Da keiner mehr richtig die Geschäftsleitung zusammenhält und unbequeme Wahrheiten auf den Tisch packt, kocht jeder sein eigenes Süppchen. Die Kommunikation untereinander, ebenso zu den Mitarbeitenden, ist oftmals ein Graus. Verbindlichkeit? Was ist das? Die Dinge, die dort besprochen werden, werden ganz gechillt immer wieder auf die lange Bank geschoben, bis es irgendwann brennt.


In dem Moment, in dem meine Vorgesetzte weg war und sich mein neuer Vorgesetzter nicht gut im Unternehmen und der Geschäftsleitung etabliert hat, habe ich automatisch mehr Stimme bekommen. Das war zwar gut, weil ich nicht „Schreck“ heiße: Wenn mir etwas nicht passt oder ich eine Entscheidung doof finde, kommuniziere ich das freundlich, klar und direkt. Aber eigentlich ist es auch doof – und du wirst hoffentlich gleich verstehen, warum.


Wie ich im oberen Absatz schon schrieb, ist unser Big Boss nicht sonderlich entscheidungsfähig. Wenn dann doch mal eine Entscheidung getroffen werden soll, ist es aus meiner Sicht selten eine gute Entscheidung – im Gegenteil. Manchmal sind richtig schlechte Entscheidungen dabei, und dafür muss ich kein Stratege oder Unternehmer sein, um das zu erkennen; gesunder Menschenverstand reicht aus. Da mein Vorgesetzter es oftmals nicht schafft, diese Entscheidungen abzuwenden, wenn wir einer Meinung sind, muss ich aus der zweiten Reihe die Stimme erheben. Die eine oder andere Entscheidung konnte ich damit beeinflussen und durchsetzen und habe auch die Verantwortung dafür übernommen. Und das wiederum hat zur Folge, dass es in unserem Personalupdatetermin nicht mehr nur um Entscheidungen für meinen Aufgabenbereich geht – nein: Das ist jetzt die kleine, inoffizielle Geschäftsleitungsrunde, in der sich auch das Protokoll um Verantwortlichkeiten und To-dos erweitert hat.


Mein Vorgesetzter und unser Big Boss sind sich immer noch nicht grün, weswegen ich mir von beiden das Gemecker über den jeweils anderen anhören darf. Da mein Vorgesetzter nicht so gut im Unternehmen angekommen ist und so viel Zeit hat, stürzt er sich regelrecht auf mich. Immer öfter steht er in meinem Büro, kontrolliert und belagert mich, fragt mich fast täglich, ob ich dies und jenes schon gemacht habe, und bombardiert mich zusätzlich mit zig E-Mails – obwohl es dafür gar keinen Grund gibt. Noch zu Zeiten meiner Vorgesetzten lief ich alleine und arbeitete sauber und fristgerecht meine To-dos ab. Jedes winzige Haar in der Suppe wird gesucht, um es mir unter die Nase zu reiben und mir zu sagen, was ich beim nächsten Mal anders machen muss. Ich habe das Gefühl, dass Vertrauen seinerseits in mich fehlt. Oder – steile These: Er kommt nicht damit klar, dass ich im Unternehmen mehr zu sagen habe als er, weswegen er mich erst recht drangsaliert. Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass er mich von oben herab behandelt und deutlich raushängen lässt, dass er mein Chef ist.

Natürlich ist das auch schon unserem Big Boss aufgefallen, weswegen es erneut richtig Ärger gab. Und natürlich blieb auch das nicht ohne Folgen: Gefühlt wandern immer mehr Aufgaben auf meinen Tisch – entweder direkt von meinem Vorgesetzten oder von unserem Big Boss –, weil alle wissen, dass ich strukturiert und nachhaltig arbeite und mir vertrauen. Dinge, die früher meine Vorgesetzte von mir abgewiesen hätte, liegen jetzt bei mir. Und auch wenn Geld nicht die größte Rolle in meinem Leben spielt – es geht ums Prinzip –, bekomme ich keinen Cent mehr für all die zusätzliche Verantwortung, die auf meinen Schultern abgelegt wird.


Ja, ich habe lieber viel zu tun, statt Langeweile im Büro. Auch hierüber habe ich bereits mal einen Blog verfasst. Aber ich möchte auch nicht erschlagen werden und täglich nicht wissen, was ich zuerst machen soll. Wenn mich jemand fragt, würde ich aktuell antworten, dass ich keine Personalerin mehr bin, sondern immer mehr in die Rolle der Sekretärin oder Assistenz der Geschäftsleitung gedrängt werde. Oder sollte ich lieber gleich „Mädchen für alles“ schreiben?


Selbst unseren Mitarbeitenden ist schon aufgefallen, dass sie sich teilweise lieber zuerst an mich wenden als an ihre Vorgesetzten oder den Big Boss, weil ich nicht emotional laut kommuniziere, sondern ruhig, klar und verbindlich und mich an Absprachen halte. Und ja, auch unsere Mitarbeitenden sind teilweise richtig unzufrieden. Es mangelt aus meiner Sicht oftmals an Wertschätzung. Statt immer nur „Hau den Lukas“ zu spielen, wäre es auch einfach mal angebracht, den Leuten für ihre Leistung zu danken. Das sehen unser Big Boss und auch unsere Fachbereichsleiter anders.

Es werden zu wenig Informationen geteilt. Ich habe schon zigmal vorgeschlagen, öfter eine Teamrunde zu machen, regelmäßige Newsletter zu versenden oder Ähnliches. Auch unsere Entscheidungswege sind zu lang. Anstatt einfach kurz einen Termin mit allen Beteiligten einzustellen, wird erst mit dem einen geredet, dann mit dem anderen – und am Ende kommt es wieder zu unterschiedlichen Aussagen, ganz nach dem Prinzip „Stille Post“.


Es wissen irgendwie alle, dass sie etwas ändern müssen, aber es fängt keiner an. Wenn ich Mitarbeiterjahresgespräche auswerte und Maßnahmen ableite, haben sowohl ich als auch unsere Mitarbeitenden das Gefühl, dass die Unterlagen einfach nur zu den Akten gelegt werden, weil wir alle nicht spüren, dass sich etwas verändert.

Als letztens die Busse und Straßenbahnen gestreikt haben, wurde ich von Teamleitern gefragt, wie sie auf Anfragen ihrer Mitarbeitenden reagieren sollen. Ich bin immer noch Personalsachbearbeiterin, stehe in der zweiten Reihe und treffe hier nicht die Entscheidungen fürs Unternehmen.


Was ich auch spannend finde: Möchte unser Big Boss den Weg des geringsten Widerstands gehen, werde ich ganz schnell wieder in meine zweite Reihe „geparkt“. Da mein Vorgesetzter unserem Big Boss nicht wirklich die Stirn bietet, ist er dann für den Moment ihr bester Freund, damit die Entscheidung durchgedrückt wird – und ich das Resultat tragen muss. Und das macht mich oftmals traurig und manchmal auch wütend.


Ich habe keine Lust mehr, alleine gegen Windmühlen anzukämpfen und allein auf weiter Flur zu stehen. Ich habe all unsere Defizite nicht nur an meinen Vorgesetzten und unseren Big Boss herangetragen, sondern sie auch an passender Stelle bei den anderen Fachbereichsleitern platziert. Und ich merke, dass all das nichts bringt. Ich komme langsam an einen Punkt, an dem es mir einfach keinen Spaß mehr macht.

Am allerwenigsten kann ich dieses ständige Gemecker über Mitarbeitende ertragen. Ich denke jedes Mal: „Dann tu etwas dagegen.“ Und wenn ich Maßnahmen bzw. Konsequenzen vorschlage – was eigentlich auch meine Aufgabe ist –, wird es einfach stillschweigend zur Kenntnis genommen. Ich merke richtig, wie die Emotionen in mir hochkochen, weil es mich einfach nur noch nervt. Wenn ich dann noch bedenke, wie viel Zeit durch den Fahrtweg verloren geht, ist mir das alles gerade einfach nicht mehr wert. Verstehst du mich, liebes Tagebuch, auch wenn du nur einen kleinen Teilausschnitt bekommen hast?


Ich bin mir noch nicht sicher, ob ein neuer Job der richtige Weg ist, weil ich die Befürchtung habe, dass es woanders auch nicht besser ist. Wie siehst du das? Ich möchte doch einfach nur in Ruhe, ohne große Umwege oder Störfaktoren, meine Arbeit machen. Mehr nicht.

 
 
 

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