Hilfe annehmen - Next Level?
- Unknown Diarie

- vor 1 Tag
- 4 Min. Lesezeit
Liebes Tagebuch,

am Freitag bin ich mal wieder spontan nach Magdeburg gefahren, weil ich das Gefühl hatte, dass meine Freundin mich braucht.
Um nicht einfach vor der Tür zu stehen, habe ich im Vorfeld gefragt, ob ich vorbei kommen soll. Und obwohl diese Aussage verneint wurde, wurde ich das Gefühl nicht los, zwischen den Zeilen ihrer Sprachnotizen zu hören, dass sie gerade jemanden braucht oder sich Gesellschaft wünscht.
Nachdem ich noch ein paar Minuten darüber nachdachte, ob ich evtl. aufdringlich wirken könnte, packte ich meine 7 Sachen zusammen, informierte meine Freundin, dass ich mich auf den Weg mache, setzte mich ins Auto und fuhr los.
Und während der gesamten Fahrt ließen mich folgende Gedanken nicht los:
Geht es nur mir so oder fällt es den Leuten, selbst engen Freund*innen immer schwerer Hilfe anzunehmen, geschweige denn danach zu fragen?
Gefühlt sage oder schreibe ich sehr oft den Satz: „Wenn was ist oder du mich / Hilfe brauchst, sag Bescheid.“ oder „Wenn ich was tun kann, gib ein Signal.“ und damit meine ich nicht beim Salat schnippeln oder dekorieren helfen, wenn eine Party ansteht.
Ich meine damit Situationen, wo man den anderen wirklich braucht. Als Ablenkung, als Trösterin, als Beistand, als support oder bei allem anderem.
Diese Sätze, so wie sie da stehen, fühlen sich für mich immer mehr wie eine Floskel an. Nicht, weil ich es nicht so meine, sondern weil ich weiß, dass niemand in dem Moment meine Hilfe annehmen wird. Oder schreiben wir lieber die wenigsten. Bei meinen Freund*innen, die in Magdeburg wohnen, kann ich es noch bedingt verstehen, weil ich eben nicht mehr 5 Minuten um‘s Eck wohne und es dementsprechend mit mehr Aufwand verbunden ist. Aber ich wohne auch nicht etliche Kilometer entfernt, somit ist aus meiner Sicht alles im Rahmen. Klar, jeden Tag könnte ich auch nicht pendeln, aber mal am We, einen Nachmittag/Abend geht das auf jeden Fall.
Warum ist das so? Will man dem anderem die „Last“ nicht aufbürden? Aber welche Last? Ich biete aktiv meine Hilfe an, was bedeutet, dass ich auch ganz genau weiß, worauf ich mich einlasse. Und wenn das mit einem Fahrtweg verbunden ist, ist es eben mit einem Fahrtweg verbunden.
Wenn das bedeutet, dass meine Freundin weint und ich nur dabei zu gucken und sie in den Armen wiegen kann, dann tue ich das. Wenn das bedeutet, dass wir nichts sagen und einen Bottich Eis essen, dann essen wir einen Bottich Eis. Wenn das bedeutet, dass wir einen langen Spaziergang machen, machen wir einen langen Spaziergang. Was auch immer es ist, alles was meinen Freund*innen hilft, würde ich tun, sofern ich es kann und zeitlich verfügbar bin.
Ja, das ist mitunter manchmal auch anstrengend. Aber Freund*innen sind wie eine zweite Familie. Die „Familie“, die man sich aussuchen kann. Und auch bei Freund*innen gibt’s manchmal Schicksalsschläge oder es passieren unvorhergesehene Dinge. Ich bin doch nicht nur mit anderen befreundet, damit wir nur zusammen lachen und die schönen Seiten des Lebens miteinander verbringen. Im Gegenteil. In guten, wie in schlechten Zeiten. Das gilt auch für meine Freund*innen.
Ja, manchmal möchte man wirklich keinen sehen. Hatte ich selbst auch schon. Nur wie soll ich da differenzieren? Es gab in letzter Zeit 2 Situationen, wo ich schon das Gefühl hatte, dass es gut war, dass ich mich in‘s Auto gesetzt habe und losgefahren bin. Das wiederum bringt mich zu der Frage, ob ich nicht einfach immer so „aufdringlich“
sein sollte, weil ich eben genau weiß, dass niemand gern solche Art von Hilfe annimmt. Nur fühlt sich das in meinen Augen auch nicht richtig an. Schließlich kann ich nunmal nicht lesen, was in jedem einzelnen gerade vor sich geht. Ich kann es nur erahnen.
Im Zweifel einmal mehr los fahren, als zu wenig. Nur manchmal ist der Grad da sehr schmal bei seinem Gegenüber ggf. auch Grenzen zu überschreiten. Wie ich oben schon schrieb, manchmal möchte man wirklich alleine sein.
War das schon immer so? Oder machen wir es uns einfach selbst schwer / kompliziert?
Das ich vielleicht auch nicht bei jedem die erste Wahl bin, wenn es um Kummer geht, ist einleuchtend. Auch ich wähle manchmal nach Situation ab, wen und was ich gerade brauche und wer es mir am ehesten bieten kann, wenngleich das auch etwas gemein klingt. Ich würde aber auch auf andere zurückgreifen.
Allerdings…
…merke ich gerade, dass auch ich nicht oft Hilfe von anderen „annehme“. Wobei - bei Liebeskummer jammere ich anderen lieber die Ohren per Sprachnotiz oder am Telefon voll, als das ich jemanden bei mir habe. Und das tue ich tatsächlich auch ohne zu fragen. Meine Familie steht da auch immer an 1. Stelle. Was meine Eltern, mein Bruder und auch meine Schwägerin da schon mit mir durchstehen mussten …. Oh je… Dafür hätten sie eigentlich einen Orden verdient. 😅
Anderes, sowas wie Krankenhausaufenthalte / Not-Op’s oder krasse Schicksalsschläge von Familie oder anderen Lieblingsmenschen, musste ich in der letzten Zeit nicht verarbeiten oder war dabei so traurig, dass ich jemanden an meiner Seite gebraucht hätte. So ad hoc wüsste ich also gerade auch nicht, wie ich mich in solchen Situationen verhalten würde. Wenn mir Hilfe angeboten wurde, habe ich sie meistens auch abgelehnt. Nur bin ich gerade nicht sicher, ob ich sie nicht brauchte oder sie nicht wollte. 🤔
Vielleicht gehöre ich auch zu den Menschen.
Noch ein Grund mehr das zu hinterfragen, da es doch eigentlich in Gesellschaft immer leichter ist, gewisse Situationen zu ertragen. Einfach zu wissen, dass jemand da ist, wenn du ihn brauchst und auch sicher zu sein, dass er wirklich da ist. Nicht alle die Hilfe anbieten, würden automatisch kommen.
Für einige sind diese Sätze oben leider wirklich nur eine Floskel.



Kommentare