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Nach der toxischen Beziehung

Liebes Tagebuch,


vermutlich hatten wir sie alle schon mal: Eine toxische Beziehung.


Wenn es nach meiner Empfindung geht, hatte ich nicht nur eine toxische Beziehung, sondern mehrere und damit meine ich nicht nur auf partnerschaftliche Ebene.


Und irgendwie reden alle darüber, wie schlimm toxische Beziehungen sind. Wie sie einen auslaugen, manipulieren, kaputt machen, wie man sich darin verliert und irgendwann nicht mehr wirklich weiß, wer man eigentlich ist. ABER kaum jemand redet über das DANACH.


Über die Zeit nach dem Drama, über die Stille, die plötzlich so laut ist, über all die ungelösten Gefühle, wie Wut, Trauer, Scham, Sehnsucht und über das Misstrauen, dass bleibt, auch wenn man längst ‚frei‘ ist.


Ich wollte nur Frieden – der sich anfangs einfach nur fremd anfühlte. Ich sehnte mich nach Ruhe, nach Sicherheit, nach jemandem, der einfach nett ist. Und als er da war, fühlte es sich seltsam an. Falsch, verdächtig und irgendwie fast langweilig.


Er war ehrlich, respektvoll, fürsorglich, lieb, authentisch, verständnisvoll, ein total dufter Kerl. Er löste nicht direkt Feuerwerk in mir oder meinem Herzen aus und dennoch zog mich immer wieder etwas zu ihm hin. Ich wollte seine Nähe und ließ dennoch nicht wirklich Nähe zu. Er saß auf der einen Seite des Sofa’s und ich setzte mich gefühlt meilenweit weg auf die andere Seite. Versuchte er näher zu kommen, rutschte ich weg. Wir trafen uns regelmäßig, quatschten die Nächte durch und während ich körperlich langsam etwas näher rückte, rückte er auch schon emotional näher. Und ich? Ich spürte nur eine Emotion: DISTANZ.


Ich hatte keine Lust auf Streit oder auf Drama, ich hatte keine Lust auf erneute Abhängigkeit, ich hatte keine Lust auf Kummer, Sorgen oder Unbeständigkeit, ich hatte keine Lust auf den plötzlichen Rückzug zu warten, ich hatte keine Lust auf ein erneutes gebrochenes Herz, weswegen ich meinem gegenüber statt Nähe Distanz schenkte. Mein Nervensystem hat irgendwie verinnerlicht, dass Liebe eher weh tut, statt zu beflügeln, dass Nähe bedeutet, mich klein zu machen, statt aufzublühen.


Nach außen war ich vielleicht ‚raus‘, doch innerlich hallte die Dynamik noch lange nach, was du anhand der oberen Zeilen erkennen kannst. Ich vertraute nicht, zweifelte an meiner Entscheidung, ob das alles so richtig ist, ich war übertrieben wachsam und fühlte mich emotional taub, da ich nicht wirklich wusste, was ich eigentlich fühle. Ich zog immer wieder neue Grenzen, die für mein gegenüber fast undurchdringlich gewesen sind, einfach um mich zu schützen. Und noch ein weiterer Grund: Mein Selbstwertgefühl und damit auch die Beziehung zu mir selbst, waren ziemlich gestört. Ich habe mich ständig gefragt, was Menschen überhaupt an mir mögen. Ich habe mich ständig gefragt, wer ich bin oder wer ich sein will. Ich war ständig zu hart mit mir selbst im Gericht und wusste irgendwann nicht mal mehr, wie sehr ich meinen Gefühlen trauen bzw. glauben kann.


Während sich die ‚gute‘ Beziehung so falsch anfühlte, fühlte sich die toxische Beziehung so gut, so beflügelnd, so aufregend und so richtig an, obwohl sie mich fast zerstört hat. Das ist so paradox. Aber ja, genauso waren meine Empfindungen. Meine toxischen Beziehungen bestanden immer aus hohen Höhen und tiefen Tiefen: Drama, Versöhnung, Spannung, Rückzug, Nähe, Distanz. Ich stand unter Dauerstress. Und irgendwann mit der Zeit legte ich diesen Stress als Leidenschaft, Anziehung, Verbundenheit und irgendwie auch Normalität aus.


(M)eine gesunde Beziehung dagegen verläuft ruhig. Stabil. Berechenbar. Und das fühlte sich am Anfang so falsch und unaufregend an, weil mein Körper und auch mittlerweile mein Kopf es nicht anders gewohnt waren. Es war so verwirrend. Während das eigentliche Chaos vorbei war, hatte ich das Gefühl, dass meins erst anfing.


Einige Male habe ich mein gegenüber sinnlos vor den Kopf gestoßen, besonders dann, wenn ich mal wieder einen ‚plötzlichen‘ Rückschlag hatte. Klar hatte ich auch gute Tage, aber Heilung ist kein linearer Prozess. Und es dauert(e). Ich würde sogar behaupten, dass ich noch immer nicht zu 100% ausgeheilt bin, da es nach wie vor Momente gibt, in denen ich wachsam bin und Angst davor habe, dass meine Seifenblase zerplatzt und das obwohl es nicht den geringsten Grund dafür gibt. Die Momente gibt es zwar nur noch selten, aber es gibt sie. Und auch bezüglich meines Körpers kann ich dir sagen, dass ich grundsätzlich relativ fein mit mir bin, aber auch hier kann ich heute noch Spuren von früher erkennen, genau wie mein Partner auch.


Ich würde ebenso behaupten, dass ich vieles einfach nicht richtig aufgearbeitet hatte und mein Rucksack einfach noch mehr an Gewicht gewann. Und all das hat mein gegenüber ebenso abbekommen. Ich hatte Schwierigkeiten mich zu öffnen, zu sagen, was los ist und welche Stürme in mir tobten. Ich hatte Schwierigkeiten Nähe zu zulassen bzw. sie auszuhalten. Ich hatte Schwierigkeiten meine ‚Freiheit‘ ‚einzuschränken‘. In meinen toxischen Beziehungen war ich nämlich vorläufig eins: Fast immer alleine und auf mich gestellt. Somit hatte sich natürlich auch das Bild in mir eingebrannt, dass ich freiheitsliebend bin. Das bin ich auch, nur habe ich früher in anderen Dimensionen gedacht. Quasi so, als würde ich keine standardisierte Beziehung führen können, in der man zusammenwohnt, sich hilft und gegenseitig unterstützt. Bei mir gab’s einfach immer nur wieder den Fluchtinstinkt.


Manchmal frage ich mich, wie mein Partner und ich es geschafft haben, dass wir uns mittlerweile beide sicher miteinander fühlen und nicht er noch den Schaden von mir davongetragen hat. Es ist Gold wert, dass er nicht weggelaufen ist, sondern sich mit viel Geduld, Verständnis, klarer Kommunikation und Sicherheit zu mir und meinem Herzen vorgegraben hat. Wo vor einiger Zeit noch Flucht und Distanz an der Tagesordnung standen, ist es heute wie nach Hause kommen, da wo ich hingehöre.


 
 
 

2 Kommentare


Unknown Diarie
Unknown Diarie
20. Nov. 2025

Danke, dass du das teilst. Das ging mir oft genauso! Mittlerweile versuche ich mehr auf mein Inneres und mein Bauchgefühl zu hören und nicht direkt zu vertrauen. Ich ziehe solche Menschen leider oft auch magisch an. 🙈

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S. K.
S. K.
19. Nov. 2025

Ich merke leider immer erst zu spät, dass es toxisch ist. Ich habe da Gott sei Dank meinen Mann an meiner Seite, der dann aufpasst und mich etwas zurückzieht. Ich neige irgendwie immer dazu zu leichtfertig solchen Menschen zu trauen...

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