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Zwischen Nostalgie und Übelkeit

Liebes Tagebuch,


ich liebe Kleinmessen oder Freizeitparks.

Ich liebe Enten angeln und kann mich wie ein kleines Kind dafür begeistern, auch wenn man immer nur Schruz gewinnt. Ich fühle mich immer wieder mindestens einmal vom Greiferautomaten herausfordert. Ich mag die Büdchen mit dem Essen und Trinken. Crepes, gebrannte Nüsse, Schokofrüchte, Zuckerwatte, Pommes, Spiralkartoffeln, Langos – einfach der geile Scheiß. Lebkuchenherzchen mit einer süßen Botschaft, Bälle werfen, Lose ziehen, Fotoboxen … . Aber das eigentliche Highlight sind die Karussells. Die Geschwindigkeit, der Sound, die bunten Lichter, einfach dieses Adrenalin, wenn man schon hinsieht. Adrenalin, was sich gefühlt verdoppelt, wenn man einsteigt.



Schon als Kind liebte ich Karussell fahren. Ich werde nie vergessen, wie mein Papa mich das erste Mal mit in eine Loopingbahn genommen hat. Ich konnte es beim ersten Mal super schwer einordnen und hab kurz vor Schock bei Mutti geweint. Aber danach gab’s kein Halten mehr. Ich hatte richtig Blut geleckt. Höher, schneller, weiter. Es gab nichts, was ich nicht gefahren bin und war bei einigen Attraktionen traurig, wenn ich noch zu klein dafür war.


Achterbahn, Free Fall Tower, oder Breakdancer, es war total egal, da ich mich für alles begeistern konnte, was Speed hatte und Spaß versprach. Nochmal, nochmal und nochmal. Und weil’s so cool war am besten gleich noch mal. Ein Ende zu finden war schwer. Aber gerade auf der Kleinmesse oder der Kirmes ist das Vergnügen meist schneller vorbei, weil man pro Fahrt zahlt und nicht einfach x-beliebig viele Fahrten auf sich nehmen kann.


Als ich mal mit meinen Eltern und meiner Schwägerin vor Jahren im Serengeti-Park war, haben wir unseren persönlichen Rekord beim Breakdancer aufgestellt. Wenn ich mich richtig erinnere, sind wir 15 Mal hintereinandergefahren und hatten auch beim 15. Mal immer noch unseren Spaß. Ich werde es nie vergessen.


Mittlerweile sind einige Jahre vergangen. Besuche in Freizeitparks, Kirmes, Kleinmessen oder andere Veranstaltungen mit Karussells sind immer weniger geworden. Und doch gab’s ab und an immer wieder kleine Momente, wo es mich doch mal wieder in ein Karussell zog. Und wenn es nur das Kettenkarussell auf dem Weihnachtsmarkt mit meiner besten Freundin gewesen ist. Es war scheißegal! Es ging um den Spaß, das Kribbeln im Bauch und darum das Kind in sich zu fühlen.


Da gibt’s nur ein kleines Problem.Je älter ich werde, desto anfälliger wird irgendwie auch mein Bauch, besonders bei permanenten Kreisbewegungen. Am Anfang schob ich es immer auf den Alkohol. Wenn wir mal beim Kettenkarussell auf dem Weihnachtsmarkt bleiben, gab’s natürlich vorher meistens 1 – 2 Glühwein und vielleicht noch Crepes. Es erschien mir also logisch, dass mir nach so einer Fahrt etwas flau in der Magengrube gewesen ist. Und auch das ist mittlerweile ein paar Jahre zurückliegend.


In meinem Urlaub im Oktober nahm ich mir mal wieder einen Nachmittag Zeit und ging zur Kleinmesse. Dieses Mal mit einer Begleitung, die Karussell fahren nicht so sehr liebt, wie ich. Wir grasten also alles andere ab, ich gönnte mir eine Fassbrause, kaufte mit gebrannte Cashew-Kerne und sog das gesamte Flair, das sogenannte Karussell-feeling in mir auf. Kurz bevor wir wieder gehen wollte, dachte ich, muss ich definitiv eine Runde mit irgendeinem der Karussells fahren. Gedacht, getan. Ich suchte mir etwas Ähnliches, wie eine Schiffsschaukel aus. Es war ein runder Kreis, der hin und her schwang, so hoch, dass man fast kopfüber war und als wäre das nicht genug, drehte es sich noch in sich. Voller Vorfreude kaufte ich mir einen Chip, setzte mich, wie damals als Kind, in den Sitz und wartete darauf meinen Chip loszuwerden. Als der Chip eingesammelt war, ging’s auch relativ schnell los. Sofort verspürte ich, wie als Kind auch, dieses geile Kribbeln im Bauch. Dieses Gefühl von „oh mein Gott, ich muss schreien“. Ein tolles Gefühl. Falls ich es noch nicht erwähnt habe, aber ich lieb’s.


Es hätte eine ganz tolle Fahrt werden können, wenn sich da nicht der Bauch bzw. der Magen meldete, der nach kurzer Zeit nicht mehr kribbelte, sondern rebellierte. Es breitete sich ein immer größeres Unwohlsein aus und aus dem Unwohlsein wurde richtige Übelkeit. Kurzzeitig dachte ich wirklich, dass ich mich übergeben muss. Während als Kind solch Fahrten immer viel zu kurz waren, wurde diese Fahrt immer länger. Ich wusste nicht wohin mit mir oder der Übelkeit. Ich wusste nicht, ob es besser war, die Augen zu schließen oder sie offen zu lassen und als ich kurzzeitig dachte, dass die Fahrt (ein Glück) zu Ende sei, wurde danach noch mal richtig aufgedreht. Meine Kindheitserinnerung entwickelte sich zu einem Alptraum. Ich war nur damit beschäftigt mich nicht zu übergeben, mich zu beruhigen, dass die Fahrt gleich zu Ende ist und dann alles besser wird und die frische Luft beim hin und her schwingen tief ein- und wieder auszuatmen.

Du erinnerst dich bestimmt an meinen Beitrag: „Doch, Dinge ändern sich“ oder? Hier hast du direkt ein Beispiel, was sich noch verändert hat, ohne dass ich das wollte. Gott, wann ist das passiert? Wie kann es sein, dass mein Bauch auf einmal so empfindlich reagiert, wo ich doch als Kind nicht genug kriegen konnte und gar nichts passiert ist? Warum? Innerlich weine ich gerade schon wieder, wenn ich an diese Karussellfahrt zurück denke. Als die Fahrt endlich vorbei war, wurde ich unten schon mit den Worten begrüßt: ‚Das war aber eine lange Fahrt.‘ ‚Oh jaaaa – sie war eindeutig zu lange.‘ ‚Warum?‘ ‚Mir ist kotzübel.‘

Wir mussten erst mal 5 Minuten da stehen bleiben, bevor wir uns überhaupt wieder in Bewegung setzen konnten, da mein Magen gerade nicht mal das Wanken / das Treten von Schritten verkraftete, so schlimm war’s. Ja, ich litt und zwar so richtig. Es fühlte sich wie ein richtig schlimmer Kater an, als hätte ich am Vortag zu tief ins Glas geguckt. Im, Schneckentempo bewegten wir uns zum Auto, da wir noch zum Essen verabredet waren. Die Autofahrt machte irgendwie alles nicht besser und ich musste mein gegenüber zügeln möglichst schnell und abrupt zu beschleunigen. Als wir ankamen konnte ich auch nicht direkt ins Restaurant gehen. Langsam lief ich noch eine Runde um den Block. Und noch eine, aber irgendwie half alles nichts. Im Restaurant selbst bestellte ich mir einen Tee. An Essen war noch überhaupt nicht zu denken. Ich war auch in dem Moment nicht wirklich eine gute Gesprächspartnerin, da ich immer noch zu sehr mit mir selbst beschäftigt gewesen bin. Mir war immer noch viel zu schlecht und auch der Tee half nicht. Während sich die anderen schon eine Vorspeise bestellten, versuchte ich es mit einem Stück Brot. In dem Moment, wo ich anfing mit kauen, hatte ich das Gefühl, dass gleich alles wieder rauskommt. Es liest sich nicht nur schlimm. Es war auch wirklich richtig schlimm. Ich fühlte mich wie eine kleine Weichflöte, die nichts mehr vertragen kann.

Und wieder erinnerte ich mich an früher. Meine Mama mochte Karussell fahren noch nie. So oft habe ich sie gebeten mitzufahren und so oft habe ich zu ihr gesagt, dass sie was verpasst. Ihre Antwort war immer dieselbe: ‚Unknown, glaube mir, ich verpasse da nichts.‘ Ich kann nicht genau sagen, ob ihr dabei auch schlecht wurde und sie es deswegen vermied, oder ob es andere Gründe gab. Ich habe es auch nie hinterfragt, stattdessen konnte ich ihre Aussage richtig fühlen. Auch ich sagte zu meiner Begleitung: ‚Das mache ich nie wieder.‘

Nach weiteren 2 Tee’s und knappen 2,5 h hatte ich es endlich geschafft und war über den Berg. Puuuuh…


Eins steht fest: Das Thema Karussell ist für mich Geschichte. Auch wenn ich darüber wirklich traurig bin. Was vielleicht noch im Rahmen des Möglichen liegt, ist das Riesenrad. Aber bevor ich das teste, muss ich erst mal noch ein bisschen mein Trauma verarbeiten.


 
 
 

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