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Berufliche Bestimmung

Liebes Tagesbuch,


seit Ende letzten Jahres, tigert mir immer wieder der Gedanke durch den Kopf, ob ich meine berufliche Bestimmung / meine Passion gefunden habe. Ich mag meinen Job und glaube auch, dass ich einen ziemlich guten Job mache. Das ist zumindest das, was mir die Mitarbeiter, mein Vorgesetzter und auch mein Big Boss wiederspiegeln. Und obwohl ich in der Firma angekommen bin und die Parameter (noch) stimmen, habe ich dennoch das Gefühl, dass ich meine berufliche Bestimmung noch nicht gefunden habe. Das Problem dabei ist, dass ich gar nicht weiß, was meine berufliche Bestimmung oder Passion ist.


Schon früher in der Schule habe ich alle bewundert, die einen Plan verfolgt haben und wussten, was sie später mal machen möchten. Ich hatte früher schon keinen Plan. Es ist irgendwie so, dass ich vieles solide/gut mache, aber nichts habe, wo ich in meinen Augen richtiges Talent sehe, um es zur Berufung zu machen. Auch bei den Schulfächern gab’s keins, wo ich innerlich Hurra geschrien habe oder welches ich als mein absolutes Lieblingsfach bezeichnen würde.


Ich habe damals eine Ausbildung als Bürokauffrau absolviert und gebe dir einen kurzen Rückblick, wie ich dahingekommen bin. Zu Schulzeiten hatte ich ein Praktikum, dass ich beim Ordnungsamt absolviert habe. Blitzer am Straßenrand installieren, Knöllchen verteilen und ein bisschen Recherchearbeit, in dem man Personen in Wohnblöcken gesucht und ausfindig gemacht hat, zählten zu meinen Aufgaben. Alles was ich nach diesem Praktikum wusste, war, dass ich in dem Beruf später nicht arbeiten möchte.

Von der Schule aus hatten wir eine Ansprechpartnerin vom Arbeitsamt an die Seite gestellt bekommen. Sie hat uns über das BIZ informiert, einen großen dicken Wälzer mit all möglichen Jobs mitgegeben und Folgetermine vereinbart, in denen wir Interessen, Stärken und Schwächen ausgewertet haben, um so einen Job zu finden.


Mit diesem Wälzer war ich anfangs überfordert. Unter so manchen Jobbezeichnungen konnte ich mir nicht im Ansatz was darunter vorstellen. So ganz genau kann ich mich nicht mehr erinnern, was für Jobs ich mir alle herausgesucht habe, aber ich weiß noch, dass was mit Marketing dabei war. Als ich das meiner Ansprechpartnerin eröffnete, erklärte sie mir, wenn ich wirklich Interesse daran hätte, dass ich bereits eine Mappe mit ersten Entwürfen kreiert hätte. Somit hat sie mir an der Stelle, den Wind aus den Segeln genommen. Genauso verhielt es sich mit Zeichnungen, alles in Richtung Kunst und auch ein Teil in die kreative Richtung. Uff.


Zwischendurch absolvierte ich noch ein weiteres Praktikum in einer Kindestagestätte. Die Besonderheit hier war, dass es hier „normale“ Kinder gab, aber auch geistig- und körperbehinderte Kinder. Ich war bei den Kindern ohne Einschränkungen eingesetzt, habe aber nichts desto trotz immer mal was von den geistig- und körperbehinderten Kindern mitbekommen. Ich ziehe den Hut vor allen, die sich dieser Aufgabe widmen. Ich könnte das nicht. Bei meiner Kindergruppe, gab’s das eine oder andere Kind, was kleine Sprachstörungen aufwies oder allgemein nur wenig sprach. In der Kindestagesstätte war direkt eine Logopädin integriert und auch bei ihr durfte ich 2x in der Woche für 2 Stunden zusehen.


Nach dem Praktikum wusste ich, dass ich keine Erzieherin werden möchte, aber ich hatte Interesse für die Logopädie entwickelt. Also war ich auf dem Trichter, dass ich Logopädin werde. Ich bin dann mit meinen Eltern zu einem Tag der offenen Tür gefahren zu einer Einrichtung, wo man diese Ausbildung machen konnte. Der Tag war informativ und spannend, genau, wie die Kosten, die man für so eine Ausbildung zahlt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Eltern gern die Kosten für mich übernommen hätten, allerdings ging’s uns zu dem Zeitpunkt nicht so gut. Die Firma meiner Eltern ist in Schieflage geraten und zwar so schlimm, dass sie nicht wussten, wie lange sie diese noch halten können. Als wir uns beim Amt nach Unterstützung erkundigt haben, mussten meine Eltern alle Finanzen der letzten 2 Jahre offenlegen und natürlich wird nicht der aktuelle Zustand betrachtet, sondern der Zustand von vor 2 Jahren. Da vor diesen 2 Jahren noch alles halbwegs in Ordnung gewesen ist, gab’s auch keine Unterstützung. Ich bin mir sicher, wenn ich es gewollt hätte, dass meine Eltern sich das Geld aus den Rippen geschnitten hätten, um mir meinen Traum zu finanzieren. Aber eine innere Stimme sagte mir, dass ich nach was anderem Ausschau halten sollte. Des Weiteren wurde mir am Tag der offenen Tür mitgeteilt, dass ich selbst erst mal noch einen Stimmtest machen muss. Die erste Option war: Ich habe meine Stimme seit Beginn meines Sprachgebrauchs falsch genutzt. Option Nummer zwei zielte darauf ab, keinen Beruf zu wählen, in dem man viel reden muss, da die Stimme auf Dauer der Belastung nicht standhält. Damals war ich total irritiert und fragte mich, was genau mit meiner Stimme nicht richtig ist. Heute kann ich sagen, dass ich nicht glaube, dass es Option zwei gewesen ist. Im CallCenter muss man viel reden und siehe da, ich kann meine Stimme auch heute noch uneingeschränkt nutzen.


Ich stand also wieder am Anfang. Ich wollte nicht ins Hotel, ich wollte nichts mit Steuern o. ä. machen, weil ich es mit Zahlen und Mathe verbunden habe. Mathe und ich, wir waren definitiv keine Freunde. Wir hatten mal unsere Annäherungsphasen, aber das war’s auch. Ich wollte keine Friseurin werden, ich wollte nicht in den Einzelhandel…Es gab vieles, was ich nicht wollte, aber ich brauchte etwas, dass ich wollte.


Da ich in den Sommerferien immer mal bei meinen Eltern in der Firma mitgeholfen habe und wenn es nur Rechnungen abheften gewesen ist, orientierte ich mich irgendwann in diese Richtung. Ich interviewte meine Mum, was sie für Aufgaben hatte, ob‘s ihr Spaß gemacht hat und ob sie der Meinung ist, dass ich das auch kann. Ich konzentrierte mich also mehr auf diese Richtung.


Industriekauffrau, Bürokauffrau, Verwaltungsfachangestellte – schwupps gingen sämtliche Bewerbungen raus. Etliche Bewerbungen später war dann auch die Entscheidung gefallen. Ich werde Bürokauffrau. Und wiederrum etliche Jahre später sitze ich hier, arbeite im Personalbereich und stelle meine Berufung in Frage. Vielleicht sind solche Gedanken normal. Vielleicht kommt jeder mal an diesen Punkt und hinterfragt seinen beruflichen Werdegang. Fakt ist, dass ich auch heute nicht sagen könnte, wo ich mich sehe und was ich mir für mich wünsche. Es gibt so vieles, wo ich mich, genau wie früher, nicht sehe, wie beispielsweise in einer Arztpraxis, als Lehrerin oder im Altenheim. Aber es gibt immer noch nicht den Job, wo ich denke: JA! DAS IST ER. Geht’s noch jemanden da draußen so? Wie kann das so schwer sein? Und warum macht sich gefühlt kein anderer in meinem Umkreis solche Gedanken? Habe ich vielleicht meine Berufung gerade schon gefunden und weiß es nur noch nicht?


Ich habe letztens mit meiner Schwägerin und einer Freundin genau über die beschriebene Thematik gesprochen. Meine Schwägerin warf sofort aus Spaß QVC und das Fernsehen ein. Ich habe früher gern Küchenutensilien bei QVC geguckt. Klar habe ich auch dort eingekauft. Und weil ich so begeistert war und die Dinge angepriesen habe, steckte ich andere an auch etwas zu kaufen, mitunter auch meine Schwägerin. Meine Freundin sah mich irgendwie als Barchefin in meinem eigenen Club. Wir hatten beide keine Ahnung, wo das herkam. Aber das war eben ihr erster Impuls bzw. ihr Bauchgefühl. Allgemeiner gehalten konnte sie sich schon etwas vorstellen, wo ich Aufgaben delegiere, also sagte sie zum Schluss scherzhaft, dass ich einfach die Leitung meiner Firma übernehmen soll.


Für sich den passenden Job zu finden, ist manchmal ein bisschen wie die Suche nach dem richtigen Partner. Wobei ich das Gefühl habe, dass ich mir zu sehr Gedanken mache. Viele arbeiten jahrelang in ihrem Job, wo ich oftmals verspüre, dass sie es nur machen, weil sie es müssen. Ich frage mich bei solchen Personen, ob sie Spaß an ihrem Job haben. Ob die Parameter passen oder ob sie einfach zu bequem sind, sich was Anderes zu suchen. Es gibt auch Personen, für die der Job nicht wirklich von Bedeutung ist. Sie wollen keine Verantwortung übernehmen, nicht mehr machen, nichts Neues lernen, sondern einfach nur zur Arbeit fahren, ihren Dienst nach Vorschrift machen und wieder nach Hause fahren. Sie interessieren sich nicht für Aktivitäten oder Veranstaltungen außerhalb der Arbeit oder ähnliches. Das finde ich manchmal spooky. Aber ich bin eben auch ein anderer Typ Mensch, ein anderes naturell. Ich brauche Abwechslung, Herausforderung und möchte nicht immer nur Dienst nach Vorschrift machen. Ich möchte etwas bewegen, mitwirken, Prozesse evtl. auch verändern und bin deswegen immer sehr engagiert. Mich kann man auch für Aktivitäten außerhalb der Arbeit begeistern. Ich mag den Austausch mit den Kolleg*innen und das privat und nicht immer nur dienstlich.


Wie finde ich jetzt raus, ob ich meine Bestimmung gefunden habe bzw. wo meine Bestimmung liegt? Ich könnte den Job wechseln und was Neues ausprobieren. Nur wenn’s mir da nach 3 Jahren genauso geht, habe ich nicht viel gekonnt, außer dass ich immer wieder bei 0 starte und keine Beständigkeit habe. Erwarte oder will ich zu viel? Ich meine, ich habe privat mein Glück gefunden. Was will ich mehr? Sollte ich mich damit zufriedengeben? Es ist ja schließlich auch nicht so, dass ich eine Abneigung gegen meinen Job habe. Wie oben bereits geschrieben, mag ich ihn. Warum zum Teufel meldet sich also meine innere Stimme? Mannoooooo.


Einigen wir uns darauf, dass ich weder heute noch morgen Antworten auf meine Fragen haben werde. Vielleicht werde ich die auch niemals haben. Aber vielleicht hast du ja einen kleinen Tipp für mich, wie ich den Antworten meiner Fragen näherkomme. Den Rest wird wohl die Zeit zeigen, darauf vertraue ich zumindest und natürlich auch in mich selbst.

 
 
 

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